Reformierte Kirchgemeinde Langenthal
Ein Gleichnis
Fridolin Horisberger war sich sicher. Genau hier sollte es sein. Nun legte er seine Schaufel und den Sack Beton auf den Boden und atmete erst einmal von diesen Lasten erleichtert tief durch. Er hatte endlich gefunden, wonach er so lange, eigentlich viel zu lange gesucht hatte. Nun aber passte endlich alles: die Aussicht, das Klima, das Umfeld. Im kleinen Bach, der nicht weit weg von ihm fröhlich sprudelte, würde er das Wasser zum Anrühren des Betons holen können. Jetzt, wo er endlich Schaufel und Zement hatte ablegen können, spürte Fridolin Horisberger tief in seinem Herzen, dass er angekommen war. Nach einer kurzen Ruhepause packte er schliesslich seine Schaufel und grub damit ein etwa 40cm tiefes Loch, so gross, dass er gäbig mit seinen Füssen (Schuhgrösse 44) hineinstehen konnte. Schliesslich rührte er in diesem Loch den mitgebrachten Beton an, trat mit den Schuhen an den Füssen in den noch flüssigen Beton, richtete sich aus und wartete, bis der Beton fest geworden war.
Bald schon war Horisberger ein weit herum gefragter Mann, denn er war unerschütterlich in seinem Standpunkt und felsenfest in seinen Überzeugungen. Mit all dem, was er von seinem gezielt gewählten Standpunkt aus im Blickfeld hatte, konnte er die ganze Welt erklären. Dinge, die er nicht sehen konnte, gab es natürlich auch, aber die waren nicht wirklich wichtig.
So vergingen schliesslich viele Jahre. Menschen kamen, Menschen gingen, Horisberger blieb! Zweifel kannte er nicht. Er war ein Monument von einem Mann, hielt treu und beständig zu seiner Sicht von Gott und der Welt. Weder Blitz noch Donner, Sturm, Schnee Eis, Hitze und Kälte konnten ihm etwas anhaben. Jeden Vorwand, der ihn auch nur einen halben Millimeter hätte bewegen können, schmetterte er entschieden und souverän ab. Nichts und niemand würde ihn je von seinem Standpunkt abbringen können. Stolz genoss Horisberger die Beachtung derer, die notgedrungen und verärgert auf ihrem Weg einen Bogen um ihn machen mussten und dazu immer lauter schimpften. Das bereitete ihm fast noch mehr Vergnügen als die Bewunderung derjenigen, die voller Ehrfurcht zu ihm aufschauten. Horisberger wurde so bereits zu Lebzeiten zu einem Monument, dessen Bedeutung und Einfluss weit über seinen eigenen Horizont hinausging. Stark und fest und unbeirrbar.
In der Stille der Nacht aber, wenn die Sterne funkelten und der Mond sein sanftes silbernes Licht über den schlafenden Horisberger ausgoss, da träumte seine Seele vom krachenden Erdbeben, das ihn, Fridolin Horisberger, umwerfen und endlich, endlich wieder frei machen würde.
Pfarrer Cédric Rothacher
Unsere Zeitung «PROFIL»
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