Reformierte Kirchgemeinde Langenthal
Unsere Zeitung «PROFIL»
Alle zwei Monate finden Sie hier alle Informationen zu unserer Kirchgemeinde und darüber hinaus.
Nummer 2/2026: 13. März bis 1. Mai 2026
Konzertreihe 2026
Liebe Konzertfreunde und Interessierte
Mit großer Freude darf ich Sie auf unsere Konzertreihe «Orgel-Matinée am Samstag» aufmerksam machen.
In der Kirche Geissberg finden dieses Jahr an 5 Samstagen jeweils um 11 Uhr Orgelkonzerte statt. Sie erwartet rund 45 Minuten Musik mit einigen Spitzen-Organisten unserer Region.
Im Anhang finden Sie den gesamten Flyer mit allen Konzerttermine und Kunstlernamen.
Mit freundlichen Grüßen,
Pietro Dipilato
Organist & Kirchenmusiker
Konzertprogramm 2026
Kreuzweg - Der Dunkelheit ausgeliefert
Texte, Gedanken und Bilder zum Kreuzweg von Karfreitag 2026
Jesus wird zum Tode verurteilt. (Ort: Soldatendenkmal)
Text: Mt 27,22-23,26:
Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm! Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.
Gedanken:
Das Soldatendenkmal hier hinter der Kirche Geissberg ist eine Erinnerung an die verstorbenen Soldaten des Füsilier Batallion 38 während des 1. und 2. Weltkrieges. Es ist zugleich eine Erinnerung im Blick auf das aktuelle Weltgeschehen: Frieden ist keine Selbstverständlichkeit.
Die Zeit der Weltkriege war wie die heutige Zeit geprägt von grossen Umwälzungen und Unsicherheiten. So war es zur Zeit von Jesus. Es war die Zeit, von der das Bibelwort dieser ersten Kreuzweg-Station erzählt. In diesem Abschnitt wird Jesus dem römischen Gouverneur Pilatus vorgeführt.
Das jüdische Volk damals litt unter vielfältigen Schikanen, Machtspielen, Unterdrückung und Ungerechtigkeiten. Nicht nur unter der römischen Herrschaft, sondern auch unter den religiösen Führern wie den jüdischen Priestern und Pharisäern. Es herrschte eine grosse Hoffnungslosigkeit, die bei vielen Menschen zu einer Sehnsucht nach einem (politischen) Machtwechsel führte.
Wie lässt sich aber erklären, dass sich das Volk in so kurzer Zeit nach dem Palmsonntag-Ereignis – damals noch in euphorischem „Hosianna“ Jubel – nun zu einer so radikalen Haltung hinreissen liess? Zu einem absolut verächtlichen „Kreuzige ihn“-Geschrei vor dem Regierungsgebäude von Pilatus? Diese 180 Grad Wende innerhalb lediglich knapp einer Woche lässt doch einige Fragen aufkommen. Wie kann man einem Hoffnungsträger an Palmsonntag mit Jubel zurufen und sich nur eine Woche später zu einem todesverachtenden „Kreuzige ihn“-Ruf mitreissen lassen?
Die Beeinflussung durch die religiösen Führer war sicher massgebend. Sie war auch eine dogmatische Warnung an das Volk: Jesus behauptet von sich, der Sohn Gottes zu sein. Ein klarer Fall von Gotteslästerung, die nicht ungestraft bleiben darf! Das Volk wurde mit diesem Argument der Störung der religiösen Ordnung und Tradition aufgewiegelt – ja regelrecht aufgehetzt.
Lasst uns aber nicht vorschnell urteilen und uns selbst über eine derartige Beeinflussbarkeit stellen, wie sie in diesem drastischen Meinungsumschwung der jüdischen Bevölkerung geschildert wird. Lassen wir doch mit Blick auf uns ein paar Fragen zu, die uns diese Geschichte aufzeigen könnte:
Sind nicht auch wir gerne einfach auf der „scheinbaren“ Mehrheitsseite – sprich auf der „richtigen“ Seite?
Wie schnell lassen wir uns dazu verleiten, bei einer scheinbar moralisch klaren Situation entsprechend ‚mitzuschreien‘ mit der Mehrheitsmeinung?
Wann sind wir beeinflusst durch unseren Medien-Marktplatz, der uns in einem bestimmten Narrativ bestärkt, und damit aber oftmals einen kritischen zweiten Blick mit mehr Differenzierung verhindert?
Mit einem ehrlichen selbstkritischen Blick müssten wir eingestehen: Wie damals das jüdische Volk so lassen auch wir uns verleiten, die Wahrheitssuche aufzugeben und verfallen in ein bequemeres «Gut-Böse-Schema». Auch wir laufen Gefahr, gewisse Etikettierungen in unseren Gesprächen und Einflussbereichen zu übernehmen – die schliesslich in sehr ungesunde Dispute und Verletzungen im gesellschaftlichen Zusammenleben führen können.
Gehen wir in der Betrachtung der Geschichte nun zu Jesus: Was war und ist seine Reaktion in dieser Episode?
Er hat während dem Verhör – vorgängig noch hinter verschlossenen Mauern mit den religiösen Führern – unterschiedlich reagiert: Anfänglich mit klaren, deutlichen und für die geistliche Elite klar grenzüberschreitenden Worten und Kritik. Danach aber mit Schweigen – im Moment, als es klar wurde: Hier geht es nicht mehr um Argumente und echte Anhörung.
Beides kann seine Berechtigung haben: Stellung beziehen und den Mund aufmachen – aber auch die Besonnenheit, in gewissen Momenten zu schweigen.
In allem hat Jesus aber eins gelebt: Er verzichtete auf eine Machtdemonstration, wie sie wohl von vielen Menschen damals erwartet und erhofft wurde. Er hat sich in Demut dem Willen des himmlischen Vaters untergeordnet.
Jesus wusste in voller Klarheit um die übergeordnete Dimension der bevorstehenden Ereignisse. Sein Weg bedeutet: Dieses vorläufige scheinbare „Machtversagen“ ist der Schlüssel für die Überwindung von Verzweiflung, Gewalt, Vergeltung – ja sogar Tod.
(Tom Wildi)
Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern. (Ort: Wöschhüsi – am Fusse des Geissbergs)
Text Mk 15,16-20:
Pilatus sagte zu ihnen: Was soll ich dann mit Jesus tun, den man den Messias nennt? Da schrien sie alle: Ans Kreuz mit ihm! Er erwiderte: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Da schrien sie noch lauter: Ans Kreuz mit ihm! Darauf ließ er Barabbas frei und gab den Befehl, Jesus zu geißeln und zu kreuzigen.
Gedanken:
Wir stehen da vor dem Wöschhüsi, das zum ehemaligen Pfarrhaus Geissberg gehört. Ja – hier ist immer dreckige Wäsche gewaschen worden. Saubere Wäsche wird immer wieder schmutzig, weshalb auch immer wieder dreckige Wäsche gewaschen werden muss.
Pfarrerin Hanna Rucks hat mich – in Anlehnung an den vorgetragenen Bibeltext – auf die Sündenbock-Dynamik hingewiesen.
- Wenn sich eine Mehrheit gegen einen «Schuldigen» wendet, obwohl die Verantwortung nicht allein oder überhaupt nicht bei ihm liegt, dann bezeichnet man diesen als Sündenbock.
- Die Suche nach einem Sündenbock ist in der Regel tief in uns Menschen verwurzelt und hat sowohl evolutionäre, soziale als auch kulturelle Ursprünge.
- Es hilft uns, die Komplexität der Probleme durch Benennung eines Schuldigen zu reduzieren. Wir brauchen uns nicht mit dem eigenen Fehlverhalten oder Versäumnissen auseinandersetzen.
- In Gruppen oder Teams stärkt es den Zusammenhalt, wenn sich viele gegen eine Person stellen, welche die Schuld zu tragen hat. Das schafft eine gemeinsame Identität und lenkt von internen Problemen ab.
- Der Begriff «Sündenbock» hat religiöse Wurzeln. Der Sündenbock in der Bibel stammt aus dem Alten Testament, speziell aus Levitikus (3. Mose 16), und ist Teil des jüdischen Versöhnungstages (Jom Kippur). Dabei übertrug der Hohepriester symbolisch die Sünden des Volkes auf einen Ziegenbock, der anschließend als "Sündenbock" in die Wüste (=weg aus der zivil--isierten Welt) geschickt wurde.
- Ja, Menschen wälzen die Schuld auf andere ab, um sich selbst zu entlasten. Der Sündenbockmechanismus ist eine tief verwurzelte Dynamik, mit der Gesellschaften Gewalt und Chaos bewältigen – aber auf eine zerstörerische Weise. Beispiele gibt es zur Zeit in rauen Mengen.
Und es gibt auch viele Beispiele aus der Geschichte:- Historisch: Juden wurden im Mittelalter für die Pest und in der Weimarer Republik für die Weltwirtschaftskrise verantwortlich gemacht.
- Politik: Minderheiten, Immigranten oder die Opposition werden oft für soziale Missstände oder wirtschaftliche Probleme instrumentalisiert.
- Hexenverfolgung: Frauen wurden in Krisenzeiten (z.B. Ernteausfälle) als Sündenböcke für Unglücke verantwortlich gemacht.
- Pandemien: Während der Coronazeit wurden Menschen aufgrund rassistischer Vorurteile als Verursacher stigmatisiert
- Beispiele aus dem Alltag und aus dem eigenen Umfeld:
- Arbeitsplatz, gilt auch für unsere Kirche: Ein Kollege (oder die Vorgesetzten, oder das Management) wird für verfehlte Ziele verantwortlich gemacht.
Weil das Angebot der Kirche nicht meinen Vorstellungen entspricht, gehe ich nicht mehr hin. - Familie: Ein Kind wird in der Familie für die Konflikte der Eltern oder allgemeine Unzufriedenheit als "schwarzes Schaf" verantwortlich gemacht.
- Schule/Mobbing: Ein Schüler wird bei Konflikten oder schlechten Leistungen der Klasse als Verursacher abgestempelt.
- Arbeitsplatz, gilt auch für unsere Kirche: Ein Kollege (oder die Vorgesetzten, oder das Management) wird für verfehlte Ziele verantwortlich gemacht.
- Es kann durchaus einfacher sein, die Schuld auf andere zu schieben, anstatt sich selbst für ein bestimmtes Ereignis oder ein Missgeschick verantwortlich zu machen. Die Verantwortung wird abgewälzt.
- Das Suchen eines Sündenbocks hat tiefgreifende Auswirkungen auf das menschliche Miteinander. Durch Schuldzuweisungen wird das Vertrauen einer Beziehung erheblich beeinträchtigt.
- Vertrauen basiert auf Ehrlichkeit, Offenheit und gegenseitiger Verantwortung. Schuldzuweisungen untergraben diese Grundlagen.
- Wir alle haben vermutlich die Erfahrung gemacht, dass Vertrauen schnell zerstört ist. Es benötigt Zeit, um es wieder aufzubauen!
- Was können wir dagegen tun?
Nutzen wir doch unsere empathischen Fähigkeiten. Wenn wir uns in die Situation anderer Menschen versetzen können, fällt es uns leichter, von der Sündenbock-Dynamik Abstand zu nehmen.
(Richard Bobst)
Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen. (Ort: Essensverteilstation bei Markthalle)
Text Lk 23,26:
Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie Simon, einen Mann aus Kyrene, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage.
Gedanken
Jesus ist bereits geschwächt. Die römischen Soldaten greifen einen Mann aus der Menge, Simon. Dieser wird gezwungen, das Kreuz zu tragen.
Jesus hatte gesagt: «Wer mir nachfolgen will, nehme sein Kreuz auf sich.»
Genau das tut Simon nun, wenn auch nicht ganz freiwillig. Simon kam vom Feld – mitten aus seinem Alltag.
Ist es nicht so, dass wir manchmal genau dann gerufen werden, wenn wir es nicht planen, wenn wir es uns nicht ausgesucht haben?
Simon trägt nicht sein eigenes Kreuz, sondern das eines anderen.
Wir tragen das Kreuz mit
- wenn wir jemanden trösten, der leidet
- Für andere einstehen, die schwach sind und keine Stimme haben
- Uns solidarisch zeigen und
- Nicht wegschauen, wenn jemand Hilfe braucht
Und übrigens: Kyrene, die Heimat von Simon liegt in Nordafrika, in Libyen. Simon war also ein Migrant, ein Fremder. Für mich ruft dieser Vers also auch zu globaler Solidarität auf, zu Solidarität über die Grenzen hinweg.
Ich fühle mich manchmal auch wie Simon. Ein voller, langer Arbeitstag:
einem Kind ist ein Zahn rausgefallen, das andere hat Bauchschmerzen, eines findet sein Heft oder seinen Bleistift nicht, eines weiss nicht mehr, ob es heute Mittag zum Grosi oder nach Hause gehen muss, eines erzählt, dass es bei einer schlechten Lernkontrolle geschlagen wird, ein anderes freut sich, weil es nach einer guten Bewertung in den Kiddydom darf - jedes von diesen hat jetzt gerade meine Aufmerksamkeit nötig und bekommt so gut es geht meine Hilfe und Zuwendung, obwohl eigentlich Math oder Deutschunterricht ansteht! Manchmal kann auch schon ein Blick helfen: Ich habe dich gesehen und wahrgenommen.
So ist es auch wichtig, dass die Menschen hier an diesem Ort Solidarität und Aufmerksamkeit empfangen. Die Gassechuchi als Ort der Menschlichkeit, wo wir die Lasten derer Menschen mittragen, die es nicht einfach im Leben haben.
Esther Schönmanns Gassechuchi begann vor 21 Jahren als Suppenausgabe draussen in der Novemberkälte und bei Schnee.
Über die Jahre wuchs das Unterfangen und wechselte in die Wärme eines Kirchgemeinde-Raums. Bis dann im Corona-Jahr 2020 alles auf den Kopf gestellt wurde. Die Abgabe von gekochten Menüs war nicht mehr möglich. So verlegte das Team die Tätigkeit auf die Nahrungsmittelausgabe in Taschen. Hier werden jeweils am Mittwoch über 200 Taschen mit Lebensmitteln, die sonst weggeschmissen würden, verteilt, gegen einen kleinen Unkostenbeitrag von 2 Franken.
Die Gassechuchi hat im letzten Jahr den Sozialpreis der Stadt Langenthal erhalten.
Und übrigens: am Samstag, 25. April sammeln Schülerinnen und Schüler aus dem KUW Unterricht zwischen 9 und 13 Uhr vor den Coop-Filialen haltbare Lebensmittel für die «Gassechuchi», sowie für die Nothilfe der Reformierten Kirchgemeinde.
Zum Schluss habe ich ein Zitat von Theresia von Avila gefunden, welches gut passt und ich mir zu Herzen nehmen will:
"Bete nicht um leichtere Last, sondern um einen stärkeren Rücken."
(Verena Heubi)
Jesus begegnet den weinenden Frauen. (Ort: Ort: Areal vor der Markthalle)
Text: Lk 23,27-31 EU:
Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder! Denn es kommen Tage, da wird man sagen: Wohl den Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns!, und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?
Gedanken:
Wir stehen hier auf dem Markthalle-Areal. Einst sicherlich ein Ort des Stolzes der Gemeinde. Heute ist es – zumindest aus meiner Sicht – eher eine trostlose Wüste. Es besteht aus mehreren Gebäuden, die tragen nur noch den Hauch des Glanzes alter Tage in sich, insgesamt wirken sie aber heruntergekommen und inhaltlich leer. Dazwischen ein grosser Platz, ebenfalls inhaltslos und leer - eine Teer-Wüste.
Die Trostlosigkeit dieses Areals gibt uns Gelegenheit, über Momente der Trostlosigkeit in unserem Leben nachzudenken.
Ich lese aus dem Lukas-Evangelium, Kap. 23, die Verse 27-31: „Es folgte ihm eine grosse Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten.
Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! Denn siehe, es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns! und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn - wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden?»
Als weitere Station auf seinem Kreuzweg begegnet Jesus hier den weinenden Frauen.
Diese Frauen weinen um Jesus; möglicherweise weinen sie aber über das Gefühl der enttäuschten Hoffnungen, denn in diesem Zeitpunkt herrschte grosse Enttäuschung in Jerusalem. Die Zukunftshoffnungen der Menschen, die am Strassenrand stehen, lösen sich in Luft auf. Es zerschlagen sich nicht nur die Hoffnungen, der Menschen, die in Jesus aufgrund seiner Wunder persönliches Heil suchten, sondern auch die Hoffnung derjenigen Menschen, die von Jesus eine Befreiung aus der Unterdrückung durch die römische Weltmacht erwartet haben. Vor meinem inneren Auge stelle ich mir ein kollektives Gefühl der Hoffnungslosigkeit vor, wie sie tw. auch heute einreisst.
Zerstörte Hoffnungen, aber auch Perspektivenlosigkeit, können den Menschen erheblich zusetzen. In solchen Momenten wünschen wir Menschen uns Trost - häufig sind dies Momente, wo wir uns ganz besonders an den Glauben und dessen Potential (zurück) erinnern.
Doch für mich geschieht in dieser Geschichte etwas Überraschendes: Was tut Jesus hier?
Er spendet keinen Trost; nein, er befeuert sogar noch die apokalyptische Stimmung mit trostlosen Bildern:
- Mit Frauen, die froh sein werden, dass sie nie geboren haben
- Mit Menschen, die wünschen, dass die Bergen auf sie einstürzen werden,
- Mit Feuer, die derart stark brennen, dass sie sogar das grüne Holz verzerren.
- Weshalb schürt Jesus hier eine derartige Angst vor der Zukunft?
- Weshalb erzählt er von zutiefst verzweifelten Menschen?
- Weshalb malt er hier das Bild einer Welt, auf der alles verbrannt ist und alles zu Asche geworden ist?
Oder mit anderen Worten: Weshalb lässt uns Jesus in dieser (Teer)-Wüste ohne Trost, alleine auf uns zurückgeworfen, zurück?
Mit diesen offenen Fragen gehen wir weiter.
(Diego Clavadetscher)
Jesus wird seiner Kleider beraubt. (Ort: Altes Crédit-Suisse Gebäude)
Text Mt 27,33-36:
So kamen sie an den Ort, der Golgota genannt wird, das heißt Schädelhöhe. Und sie gaben ihm Wein zu trinken, der mit Galle vermischt war; als er aber davon gekostet hatte, wollte er ihn nicht trinken. Nachdem sie ihn gekreuzigt hatten, warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich. Dann setzten sie sich nieder und bewachten ihn.
Jesus wird ans Kreuz genagelt. (Ort: Ehemaliges Hotel Kreuz Passage)
Text Lk 23,32-37:
Zusammen mit Jesus wurden auch zwei Verbrecher zur Hinrichtung geführt. Sie kamen an den Ort, der Schädelhöhe heißt; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Um seine Kleider zu verteilen, warfen sie das Los. Das Volk stand dabei und schaute zu; auch die führenden Männer verlachten ihn und sagten: Andere hat er gerettet, nun soll er sich selbst retten, wenn er der Christus Gottes ist, der Erwählte. Auch die Soldaten verspotteten ihn; sie traten vor ihn hin, reichten ihm Essig und sagten: Wenn du der König der Juden bist, dann rette dich selbst!
Gedanken:
Einer links und einer rechts
Die Symmetrie des Henkers
Einer allein
Im Zentrum des Todes
Einer links und einer rechts
Eine Ästhetik des Todes
Denn der Tod will Ordnung
Bis zuletzt
Auf die Minute genau
Und so schlägt der Hammer
die Stunde ans Kreuz
Schlag für Schlag
Ein Stundenschlag für die Ewigkeit
Jesu Zeit
Meine Zeit
Deine Zeit
Einer links und einer rechts
Und dazwischen einer
als Zentrum des Lebens
trotz allem
(aPfr. Werner Sommer)
Jesus stirbt am Kreuz. (Ort: Kreuzhofpassage Kellerloch)
Text Lk 23,44-46:
Es war schon um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach - bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus.
Gedanken:
Der Riss im Vorhang
Als Jesus stirbt, zerreißt mehr als nur ein Stoff: Die metaphysische Membran, der Vorhang zwischen dem Allerheiligsten und uns Menschen, wird entzweigerissen. Eine Erschütterung der religiösen Grundfesten geht wie ein Beben durch Jerusalem. Inmitten dieses Chaos erkennt ausgerechnet ein Heide, ein römischer Hauptmann, die Wahrheit:
„Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!“ (Mt 27,54)
Dies war das Fundament der ersten Christen: Der Glaube, dass in diesem leidenden Menschen Jesus Christus Gott selbst gegenwärtig ist.
Gott als Wunschbild und Waffe
Schon früh gab es Missverständnisse darüber, was diese Gottessohnschaft bedeutet. Als Jesus seine Jünger fragt: „Wer sagt denn ihr, dass ich sei?“, antwortet Petrus voller Überzeugung: „Du bist der Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ (Mt 16,16).
Doch als Jesus beginnt zu lehren, dass dieser Weg über das Leiden, das Scheitern und den Tod führt, wehrt Petrus ab: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir ja nicht!“ (Mt 16,22). Petrus will einen Gott der Stärke, nicht der Verletzlichkeit.
Wie oft wurde und wird „Gott“ seither als Argument oder gar als Waffe missbraucht? Ich denke an die vielen Gebete im Oval Office, als George W. Bush den Irakkrieg einläutete. Oder an die fanatischen Beschwörungen der TV-Predigerin Paula White, die Donald Trump zum Messias erklärt.
Wir rechtfertigen unsere Taten, unseren Willen und unsere Wünsche auf diesem vermeintlichen Fundament – „Gott“. Aber Jesus entgegnete dem Petrus: „Weiche von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist.“ (Mt 16,23).
Der Schrei, der unsere Götzen stürzt
Wenn Jesus am Kreuz ruft: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, dann neigen wir dazu, dies als einen Moment der Isolation zu lesen. Die Tradition lehrt uns oft, Jesus sei hier unter der Last der Sünde tatsächlich von Gott getrennt worden – als trüge er die Strafe der Gottferne an unserer Stelle, für unsere Sünde.
Doch was, wenn wir diesen Schrei anders hören?
Jesus ist Gott. Wie könnte er sich selbst verlassen? Er hängt dort nicht als ein Opfer, das auf Hilfe wartet, sondern er schreit stellvertretend für uns, die wir unter dem Kreuz stehen. Er schreit für uns, die wir verzweifelt auf das große Wunder warten, auf die übernatürliche Machtdemonstration, die das Blatt noch wenden möge. Wir sehnen uns nach einem Gott, der unsere Kriege für uns gewinnt, uns reich, gesund und unangreifbar macht, Leid und Unterdrückung beendet.
Doch Jesus am Kreuz zeigt uns: Dieser Gott hat uns verlassen, weil es ihn nie gab. Er existiert nur in unseren bedürftigen, selbstbezogenen Herzen. Die Vorstellung eines „Gottes als Wunschautomat“ stirbt dort oben an den Nägeln. Jesus ruft diesen Schrei der Verlassenheit nicht, weil der Vater ihn verlassen hätte, sondern um die Leere hinter unseren falschen Gottesbildern offenzulegen.
So wird Nietzsche, der den Tod Gottes proklamiert, plötzlich zum prophetischen Echo des Karfreitags, so sagt der Tolle Mensch in Nietzsches berühmten Aphorismus:
„Wohin ist Gott? Ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! [...] Was sind denn diese Kirchen noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler Gottes sind?“
Das Begräbnis der Illusionen
Ich glaube Nietzsche hat recht. Ja, an Karfreitag hat haben wir Jesus gekreuzigt, und mit ihm den Gott unserer Fantasie zu Grabe getragen. An Karfreitag stirbt die Illusion, dass Gott ein Instrument unserer Selbstbehauptung sein könnte. Der Leichnahm der vom Kreuz genommen wurde, war nicht der Gott der Macht, sondern der Gott der mitleidenden Liebe.
Mit Jesus beerdigen wir den Gott unserer Lüste, unserer Machtphantasien und unserer selbstgerechten Wünsche. Wir beerdigen den Gott, den wir uns nach unserem Bilde geschaffen haben. Am Karfreitag stirbt dieser „Gott“ am Kreuz.
Erst im radikalen Verzicht auf unsere menschlichen Gottesbilder werden wir frei für den Gott, der wirklich ist. Kurt Martis Lyrik erinnert uns daran: Erst wenn der Gott unserer Wünsche stirbt, kann der Gott der Liebe auferstehen.
Der Impuls endet mit dem Gedicht von Kurt Marti: Die Passion des Wortes Gott
(Ruben Cadonau)
Jesus wird vom Kreuz abgenommen. (Ort: Glockenturm katholische Kirche)
Text Mt 27,57-59:
Gegen Abend kam ein reicher Mann aus Arimathäa namens Josef; auch er war ein Jünger Jesu. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu überlassen. Josef nahm ihn und hüllte ihn in ein reines Leinentuch.
Gedanken:
Erinnern wir uns an die Situation vor der Markthalle zurück. Auch stehen wir wieder auf einem Platz. Innerlich herrscht bei uns immer noch das Gefühl der Trostlosigkeit, wir befinden sich uns immer noch in einer Wüstenzeit. Doch diese Wüstenzeit, diese Zeit der Entbehrung, diese Zeit des auf uns selbst zurückgeworfen Seins, macht etwas mit uns.
Sie macht uns aufmerksam, erlaubt bspw. unseren Augen Sachen zu sehen, die uns im alltäglichen Leben nicht auffallen würden. Sachen, die uns plötzlich einen Weg zeigen können, wie wir unsere innere Wüste herausfinden können. Sachen, die uns Türen öffnen.
Ist Euch bei der Betrachtung des Kirchturms das Gleiche aufgefallen wie mir? Ich sehe diese Tür. Eine seltsame Tür, sie ist derart hoch angebracht, dass sie eigentlich nicht zugänglich ist. Aber es ist eine Tür, eine Tür, die, wenn man sie aufttut und dem Weg, der durch sie aufgeht, nimmt, aus der Wüste hinausführt. Wohin führt dies Tür im katholischen Kirchturm? Treten wir einen Schritt zurück, und richten unseren Blick nach oben. Was sehen wir? Das Kreuz – das Sinnbild unseres Glaubens, die Erinnerung an Jesus Christus und an sein Wirken.
In meinem persönlichen Wüstenzeiten ist der Moment, wo ich mich von meinen persönlichen Sorgen, die mich belasten und in denen ich mich ständig um mich selbst drehe, lösen kann und ich meinen Blick, oder meine Gefühle nach oben, hin zu Gott richten kann, der Moment, in dem ich die Wüste wieder verlassen kann.
Es sind Momente, in denen sich mein Leben einen Schritt weiterentwickelt.
In solchen Momenten verstehe ich, weshalb die Wüste für mich heilsam war und damit – bei allem Schmerz, die sie mir bereit hat, – Sinn machte. In diesem Moment verstehe ich, weshalb Jesus – in solchen Situationen – wie sie auf dem Markthallenplatz herrschte – mir keinen raschen Trost spendete, sondern ich noch einige Stationen lang in der Wüste bleiben musste. Der rasche Trost wäre zwar Erleichterung gewesen, diese Abkürzung von Station 4 zu Station 8 hätte mich aber von den in der Wüste gemachten Erfahrungen abgehalten.
In einer persönlichen Wüstenzeit geht es aber nicht nur darum, diese belastenden Erfahrungen zu machen, sondern es geht häufig darum, die Tür zu finden. Das Finden genügt aber nicht, man muss die Tür dann auch öffnen und sie vor allem durchschreiten, indem man bspw. sein Verhalten, seine Einstellung oder etwas anderes anpasst. Um eine solche Ausgangstür zu begehen, muss man dann häufig eine gewisse Anstrengung leisten, beispielsweise eine hohe Stufe überwinden, genau wie bei der Tür im katholischen Kirchturm.
Wo befindet sich die Tür in unserem Bibeltext? Die Tür ist – wie so oft im Leben – ein anderer Mensch, in unserer Geschichte Josef von Arimathäa.
Er tut hier einiges, was nicht selbstverständlich ist und zudem er sich überwinden musste:
· Er exponiert sich gegenüber der Macht, hier repräsentiert durch Pilatus
· Er investiert etwas, hier sein Geld, in dem er ein „reines“ Leintuch kauft.
Mit seinem Verhalten spendet er Trost, indem er in diesem trostlosen Moment Menschlichkeit zeigt.
Durch diesen einen Menschen geschieht etwas in dieser Wüste der allgemeinen Hoffnungslosigkeit. Sein Verhalten ist ein erstes Fünkchen Licht.
Oder anders gesagt: ein erster Funke des Osterlichts flackert in der dunklen Wüste auf. Dieser Funke richtet unsere Augen nach oben, hin zu dem was uns bald (an Ostern) erwarten wird.
(Diego Clavadetscher)
Der Leichnam Jesu wird in das Grab gelegt. (Ort: Katholische Kirche / Skulptur Ludwig Stocker)
Text Mt 27,60-61 EU:
Dann legte er ihn in ein neues Grab, das er für sich selbst in einen Felsen hatte hauen lassen. Er wälzte einen großen Stein vor den Eingang des Grabes und ging weg. Auch Maria aus Magdala und die andere Maria waren dort; sie saßen dem Grab gegenüber.sagte
Gedanken:
Ein neuer Abschnitt beginnt. Die Frauen schauen aufs Grab. Sie schauen zurück. Sie verarbeiten, was war. Aber nicht nur. Sie schauen auch voraus. In die Zukunft – wie geht es weiter? Wie sie schaut diese Figur von Ludwig Stocker, die den Titel trägt „vom Hinausgehen“. Die Figur schaut zurück zum Geissberg, wo sie einmal stand, bevor sie „katholisch“ wurde. Insofern steht sie für den Rückblick. Aber nicht nur. Denn sie steht auch für das „Herausgehen“. Sie erzählt uns: Alle Dunkelheit wird eine Ende finden. Auch wenn man das – solange man drin ist – oft nicht glauben mag.
Lasst uns von dieser Hoffnung singen mit dem Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen.“
Lasst uns den Kreuzweg beschliessen mit einem gemeinsamen „Unser-Vater“ und Segen.
(Pfrn. Hanna Rucks)